Landesflagge Lena in Island

Busavígsla und Busa-Ball




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Mittwoch in meiner zweiten Schulwoche war ein ganz besonderer und zugleich auch sehr seltsamer Tag, nämlich Busavígsla. Was das ist werdet ihr gleich erfahren. Ich war sehr müde und die Aussicht einen ganzen Schultag ohne Freistunde zu haben, gefiel mir gar nicht. Ich hatte Mathe und Französisch (wir haben isländische Sätze ins Französische übersetzt, auch eine lustige Erfahrung). Die darauf folgende Stunde war Kunst. Ich war gerade so schön im Malen drin, als plötzlich laute Heavy Metall Musik (oder ich glaube zumindest, dass das Heavy Metall war) aus der Aula kam. Einige Sekunden später wurde die Tür des Kunstsaals aufgerissen und einige maskierte Schüler mit rot angemalten Gesichtern und Händen und schwarzen Umhängen stürmten herein und scheuchten alle Busa in die Aula. Busa (gesprochen Bösa) sind die Freshmens, also die Schüler, die das erste Jahr an der Schule sind. Busavígsla ist der Tag an dem die Busa an der Schule begrüsst werden und zwar indem sie von den älteren Schülern geärgert und gedemütigt werden. Natürlich nur soweit es noch Spass ist. Das, was ich jetzt berichte mag für euch vielleicht total schockierend klingen. Ich war auch verwundert, aber ich war gewarnt und wenn man als AFSer nicht offen für alles ist, dann hat man es sehr schwierig. Also wurden wir in die Aula gescheucht und von dort in den Chorsaal, wo wir einen fetten Stempel mit der Aufschrift Busi (also ein Busa) ins Gesicht bekamen. Die älteren Schüler riefen immer wieder "Horfe niður!" , was soviel bedeutet wie "Schaut nach unten!" und wir mussten unsere Köpfe senken. Als nächstes bekamen wir schwarze Plastikmüllsäcke mit drei Löchern für Kopf und Arme, die wir anziehen mussten. Manche Busa mussten auch Schilder tragen. Ich weiss allerdings nicht, was darauf stand, weil es natürlich isländisch war. Um uns noch mehr zu ärgern mussten wir dann auch noch die Hände auf den Kopf halten, was auf Dauer sehr anstrengend wurde und ich bekam schon nach kurzer Zeit einen Krampf in einem meiner Arme. Alle Busa, die nicht den Aufforderungen der älteren Schüler folgten, mussten Hampelmann machen, singen oder auf dem Boden quer über die Bühne kriechen. Nach einiger Zeit mussten wir das Schulgebäude verlassen. Aussen wartete schon eine ganze Meute neugieriger Eltern und anderer Schüler, die uns auslachten und Fotos machten, wie wir in unseren schwarzen Müllsäcken mit Stempel im Gesicht mit gebeugten Kopf und Händen auf dem Kopf in Zweierreihen zu den Bussen laufen mussten. Erst da wurde mir bewusst, wie viele Busa an der Schule sind, ich würde sie mal auf circa 200 schätzen. Wir wurden in Busse verfrachtet, wo wir weiterhin mit Händen auf dem Kopf sitzen mussten und zu einem Campingplatz ausserhalb von Selfoss gefahren wurden. Dort angekommen wurden wir gezwungen durch eine lange Reihe von anderen Schülern, die uns belustigt zuschauten, auf dem nassen Gras zu krabbeln. Dann mussten wir uns in ein mit Klebeband eingezäuntes Feld setzen und einer der verkleideten älteren Schüler hielt eine Art Rede. Ich weiss nicht über was er geredet hat, denn ich habe nicht mehr als den Namen der Schule verstanden. Nach einigen Schlachtrufen wie "Fsu Fsu Fsu..!" und irgendeinem lateinischen Spruch durften wir dann wieder aufstehen. Wir mussten ein ganz widerliches giftgrünes Getränk trinken (ich möchte gar nicht wissen, was da drin war) und dann durften wir endlich wieder die Müllsäcke ausziehen und unseren Kopf wieder aufrecht halten.

Als kleinen Trost bekamen wir einen schönen warmen Hot Dog, den wir uns meiner Meinung nach auch reichlich verdient hatten. Das war also Busavígsla. Und, seid ihr geschockt? Ich kann euch absolut beruhigen. Es war zwar neu, aber wir hatten eine Menge Spass und haben es absolut nicht bereut dabei gewesen zu sein, obwohl ich noch zwei Tage später Muskelkater in den Oberarmen hatte. Wenn man diesen Tag als Busa überstanden hat und dann auf dem am Samstag folgenden Busa-Ball war, dann gehört man so richtig dazu. Das ist einfach Tradition in Island und es überschreitet auch nie die Grenzen von Spass. Leider hatte ich nicht die Möglichkeit Fotos zu machen, aber da war ein Deutschlehrer, der ganz viele Bilder gemacht hat und ich werde ihn mal fragen, ob er sie mir vielleicht gibt, damit ihr euch das auch besser vorstellen könnt. Zurück in Selfoss hatten wir dann keinen Unterricht mehr.

Am Samstag um fünf Uhr kam Lara nach Kirkjuferja, weil ihre Gasteltern in einem Wochenendhaus waren und sie nicht alleine zu dem Busa-Ball gehen wollte. Wir haben uns dann unterhalten bis uns um zehn Uhr abends Baldur zum Ball fuhr, obwohl das Wort Party viel besser passt. Es fand in einer Grundschule circa zehn Minuten mit dem Auto von Selfoss entfernt statt. Als wir ankamen, dachten wir erst wir seien im falschen Film. Überall massenweise Jugendliche mit Bier- und Schnapsflaschen in der Hand. Die Party hatte noch nicht mal angefangen und es torkelten schon haufenweise Betrunkene durch die Gegend. Es war besonders viel los, weil der DJ Páll Óskar da war, angeblich Islands berühmtester DJ! Natürlich spielte er auch eine Menge schrecklichen Hiphop, obwohl der isländische Hiphop gar nicht mal ganz so schlimm ist. Aber wie schon gesagt, man soll als AFSer ja für alles offen sein... Toll war, dass wir als Austauschschüler keinen Eintritt zahlen mussten (das wären ungefähr 25 Euro gewesen). Die Sporthalle hatte sich schnell gefüllt und die Stimmung war wirklich super. Man muss dazu sagen, dass isländische Parties normalerweise viel heftiger sind, wie wir es von Deutschland kennen. Koma-Saufen gehört hier dazu. Obwohl kein Alkohol verkauft wurde, war eigentlich jeder sturzbetrunken und man hat kaum jemanden ohne Bierflasche in der Hand gesehen. Dementsprechend haben sich die meisten dann natürlich auch verhalten. Manche haben sogar angefangen sich auszuziehen und wo man hin geschaut hat, hat man knutschende Pärchen gesehen. Natürlich haben wir uns an diesen Eskapaden nicht beteiligt und Alkohol ist für uns AFSer sowieso strikt verboten. Wenn die uns mit einer Flasche Bier in der Hand erwischt hätten, wären wir sofort im Flugzeug nach Hause gesessen und das wollte natürlich keiner von uns. Wir hatten aber trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb?) jede Menge Spass und haben eigentlich die ganze Zeit über getanzt. Es war interessant, die Isländer mal ganz anders zu erleben. Normalerweise können sie gar nicht genug Abstand haben und würdigen uns Austauschschüler keines Blickes. Aber wenn sie betrunken sind, dann kommen sie einfach her und tanzen mit einem und manche sind sogar auf uns zugegangen und haben uns angesprochen. Schon irgendwie seltsam, dass sie das nur im betrunkenen Zustand können. Um zwei Uhr nachts war die Party dann zu Ende und uns taten die Füsse weh vor lauter tanzen.



Lara, ich und Marta nach dem Busa-Ball, es war sehr kalt!

Wir haben dann sehr lange nach dem Bus nach Hverageði gesucht, der an der Strasse zu Kirkjuferja halten sollte, wo uns Baldur abgeholt hat (der Arme musste wegen uns so lange auf bleiben). Nach einer Weile haben wir ihn auch gefunden. Nur leider hatten wir Pech und er war am Strassenrand im Dreck stecken geblieben. Mit vereinten Kräften gelang es uns dann irgendwann, den Bus wieder auf die Strasse zu schieben, was mit all den Betrunkenen eine sehr witzige Angelegenheit war. Völlig durchgefroren stiegen wir ein und fuhren nach Hause.


   
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