Landesflagge Lena in Island

Meine dritte Woche


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Hallo an alle fleißigen Leser!

Schon wieder ist eine Woche vergangen, es ist Sonntagabend und ich sitze nach einem erlebnisreichen Tag an meinem Schreibtisch um euch von meiner Woche zu berichten.

Von der Schule habe ich diesmal nichts sehr Aufregendes zu berichten. Das Schuljahr ist jetzt so richtig angelaufen und in den Schulalltag kehrt nun auch für mich Normalität ein. Ich fühle mich nach wie vor sehr wohl an der Schule und es bereitet mir sehr viel Spass in die Schule zu gehen, auch wenn ich immer erst um vier Uhr Nachmittag heim komme. Aber die Zeit vergeht normalerweise sehr schnell, weil es nur höchstens sechs Schulstunden sind, wovon meistens eine Stunde eine Freistunde ist. Diese Woche hatte ich sogar ein paar Freistunden mehr, weil mein Mathelehrer und meine Englischlehrerin krank waren. Vertretungsstunden gibt es hier nicht, denn man kann sich eigentlich sehr gut beschäftigen. Hier könnt ihr euch mal die F.Su von innen anschauen.


In der Mittagspause sind natürlich noch viel mehr Schüler zu sehen und es ist teilweise ziemlich überfüllt. Das Gebäude wurde nämlich für 650 Schüler gebaut, wir sind aber mittlerweile über 900. Wir haben hier manchmal so richtiges Unterhaltungsprogramm, wenn in der Mittagspause spontan eine Schülergruppe anfängt zu trommeln oder irgendein Schüler über ein Mikrofon spricht und alle anfangen zu lachen (Wir natürlich nicht, weil wir noch nicht verstehen, was da geredet wird). Lustig ist auch, wenn ein Schüler aus Versehen eine Flasche fallen lässt und dann auf einmal das ganze Schulgebäude klatscht.

Da fällt mir gerade ein, dass ich euch mal ein bisschen was über das isländische Schulsystem erzählen könnte. Die „Grunnskóli“ (Grundschule) besucht man vom 6. bis zum 16. Lebensjahr. Zum Abschluss muss man Prüfungen in vier Hauptfächern schreiben, von denen man mindestens zwei bestehen muss. Danach kann man entweder einen Beruf lernen oder in die „Framhaldsskóli“ (weiterführende Schule) gehen, was eigentlich fast jeder macht. Auf diese Schule geht man dann noch einmal vier Jahre und wenn man „Studentsprof“, also sozusagen das Abitur, besteht, dann kann man zur „Háskóli“ (Universität) gehen, wo man dann weitere vier Jahre studiert. Es gibt drei verschiedene „Framhaldsskóla“: 

Die „Menntaskóli“, vergleichbar mit dem deutschen Gymnasium, also mit ganz normalem Klassensystem. Davon gibt es aber nur sehr wenige. Ich glaube es sind in ganz Island nicht einmal zehn Stück.

Der zweite und häufigste Typ ist die „Fjölbrautaskóli“ (so wie meine Schule, die Fjölbrautaskóli Suðurlands. Suðurlands bedeutet “des Südlandes”). An dieser Art von Schule kann jeder Schüler seine Kurse selbst wählen. Man kann sich seinen Stundenplan also vollkommen selbst zusammenstellen und das wählen, was man für die Berufsausbildung oder das Studium, was man später machen möchte, braucht. Das Angebot an Kursen ist meistens sehr vielfältig. An meiner Schule gibt es Holzverarbeitung, Kochen, Textilverarbeitung und Kunst (vielleicht gibt es auch noch mehr, aber ich weiß nur von diesen Fächern). An anderen Schulen kann man auch andere Dinge lernen, zum Beispiel Reiten oder Metalverarbeitung. 

Die dritte Art der “Framhaldsskóli” ist die “Iðnskóli”. Das ist eine Schule, an der man auf Berufe wie beispielsweise Elektriker oder Friseur vorbereitet wird. Sie ist ähnlich wie die “Fjölbrautaskóli” mit dem Unterschied, dass man danach nicht an die Universität gehen kann, weil die Ausbildung weniger akademisch ist.

Das Notensystem ist hier auch etwas anders als in Deutschland. Es gibt Noten von 1-10, wobei 10 die Beste ist. 5-6 ist zufriedenstellend, 4 bedeutet soviel wie bestanden, aber 0 Punkte und wenn man in den Prüfungen am Ende des Semesters eine Note zwischen 1 und 3 bekommt, ist man durchgefallen.

Außerdem ist es isländischen Schülern erlaubt eine Schulpause für ein oder zwei Semester zu machen. Diese Möglichkeit nutzen sehr viele Jugendliche hier um zu arbeiten oder natürlich als “Schwangerschaftsurlaub”. Hier ist es total normal schon während der Schulzeit Kinder zu bekommen und sechzehnjährige Mütter sind keine Seltenheit. Dass Jugendliche arbeiten ist auch typisch hier. Eigentlich jeder Teenager arbeitet neben der Schule und man fängt meistens schon mit 14 Jahren an. Dazu muss man wissen, dass isländische Jugendliche sehr selbstständig sind und sich oft auch schon sehr früh von den Eltern lösen. Außerdem sind Isländer an sich ein Volk, dass sehr viel arbeitet. Das ist meiner Meinung nach aber auch nötig, weil hier eigentlich alles extrem teuer ist.

Ferien gibt es hier nicht so häufig wie ich das von Deutschland gewohnt bin. Das erste Semester beginnt Ende August und man hat dann erst Weihnachten nach den Prüfungen zwei bis drei Wochen Ferien. Dann folgt das zweite Semester mit einer Woche Osterferien. Die Prüfungen sind Ende Mai und ab da beginnen dann die Sommerferien, die hier glücklicherweise etwas länger sind. Soviel also zum isländischen Schulsystem.

Meine Mutter hatte diese Woche frei, weil sie letztes Wochenende gearbeitet hat und so sind wir am Dienstag zur Bank gegangen um ein isländisches Konto für mich zu eröffnen, weil ich nun endlich meine “Kennitala” bekommen hatte. Das ist eine Identifikationsnummer, die jeder Isländer und alle anderen, die für längere Zeit in Island leben haben. Ohne “Kennitala” geht hier eigentlich gar nichts. Man kann weder ein Konto eröffnen, noch irgendwelche teureren Sachen kaufen noch eine Arbeitsstelle annehmen. Eigentlich hätten wir nicht einmal in der Schule unseren Stundenplan bekommen dürfen, aber dafür gab es anscheinend in unserem Fall eine Sonderregelung.

Am Donnerstag hatten wir neben dem theoretischen Sportunterricht, in dem wir auf isländisch erklärt bekamen, wie man Puls misst, auch endlich mal richtig Sport gemacht. Nach ein paar Aufwärmrunden auf dem Fussballplatz, durften (oder besser mussten?) wir eine ziemlich große Runde durch Selfoss joggen. Es hat richtig Spass gemacht im Gegensatz zu den langen Theoriestunden, in denen ich meistens nicht einmal das Thema verstehe.

Freitags hatten wir von der F.Su. das Glück, keine Schule zu haben, weil die Lehrer nicht da waren. Komischerweise wusste aber keiner, wo sie waren. Ich war erst ein bisschen geknickt, weil Marta und Lara Chortag hatten, also den ganzen Tag in der Schule verbracht haben, um zu singen. Ich war mit meiner Mamma nachmittags in Selfoss um einen Reißverschluss für meinen Isländerpulli zu kaufen und um meine Großeltern (Jónínas Eltern) zu besuchen. Danach hat Sigga Marta und mir SELOS gezeigt. SELOS ist die Firma meines Gastbruders Baldur. Er und seine Mitarbeiter produzieren Schränke für Küchen und Bäder und Treppen und alles mögliche in dieser Richtung. Zum Abendessen gab es diesmal Pferdefleisch. Ich hatte das noch nie vorher probiert, aber ich muss sagen, dass es eigentlich richtig gut schmeckt. Abends haben wir dann bei Baldur und Sigga einen gemütlichen DVD-Abend gemacht. In Island geht ein Videoabend nie ohne “Nammis” (Süßigkeiten) und besonders gerne essen sie Lakritz. Hier gibt es Schokoriegel mit Lakritzfüllung und die schmecken eigentlich gar nicht mal so schlecht, auch wenn man kein Lakritz mag. Was Süßigkeiten betrifft haben viele Leute hier aber einen sehr eigenartigen Geschmack. Hier gibt es so eine Art Bonbons, die sehr stark nach Kräutern schmecken. Die meisten Isländer essen die in Massen, sogar die Kinder und man lutscht diese Bonbons nicht, sondern kaut sie. Sie sind auch in der Konsistenz von Gummibärchen erhältlich. Ich finde den Geschmack nicht besonders gut, aber ich glaube, wenn man das gewöhnt ist, dann mag man es vielleicht. Popkorn wird hier auch nicht mit Zucker sondern Salz gegessen.

Am Samstag habe ich vormittags mein Zimmer gesaugt und ein bisschen auf Helga Guðrún, die jüngste Tocher von Baldur aufgepasst. Sie ist gerade in dem Alter, in dem sie alles erkunden und anfassen muss und ich bin mir sicher, dass sie schon bald anfängt, die ersten Wörter zu sprechen. Nachmittags habe ich mit Finnur Kartoffeln geerntet. Es war sehr witzig, weil wir mit Baldurs Quad zum Kartoffelbeet fahren wollten und das Teil immer wieder stehen geblieben ist. Einmal war der Tank leer und warum es später nicht richtig ging, wussten wir selbst nicht. Jedenfalls hat es sehr viel Spass gemacht mit Finnur auf dem Quad zu sitzen und über das holprige Gelände und matschige Feldwege und durch tiefe Pfützen bis zum Kartoffelbeet zu fahren.

Die Stiefel, die ich zur Kartoffelernte an hatte,  waren Schuhgröße 46, also fast 10 Nummern zu groß....

Danach habe ich zusammen mit meiner Gastmutter Pönnakökur (hauchdünne Pfannkuchen) gebacken (was viel leichter aussieht, als es letztendlich ist, wie ich feststellen musste) und Blaubeermarmelade gekocht. Wir bekamen Besuch von Dagbjörts Familie und Steini (mit ihm haben wir letzte Woche am Ölfusá den Fisch gefangen) kam auch mit seiner Familie. Also hatten wir mal wieder volles Haus mit ganz vielen Kindern. Baldur und Familie waren natürlich auch da. Wir haben zusammen gefeiert, dass die Heuernte fertig ist. Zum Abendessen gab es Hummer (sehr lecker) und Lamm. Der Alkohol kommt bei solchen Feiern natürlich auch nicht zu kurz, aber es hielt sich in Grenzen (also nur bis zum Angeheitert-Sein). Es war ein wunderschöner Abend und es war sehr gemütlich im warmen Haus zu sitzen, während es draußen dunkel und windig war und geschüttet hat.


Ich, Marta, Jónína, Linda Björk, Margrét Ágústa und Vigdis beim Kartenspielen


Guðmundur (mein Gastvater), Baldur und Steini auf der Terasse beim Hummer und Lamm grillen.

Am Sonntag habe ich vormittags gemeinsam mit meinem Pabbi und Finnur einen Tank für die Toilette vergraben. Es war wirklich anstrengend, aber es ist eine tolle Erfahrung mal so richtig zu arbeiten.



Mein Pabbi und Finnur beim Schaufeln....



und ich habs auch versucht....

Nachmittags haben Sigga und Baldur Marta und mir die zwei kleinen Städtchen namens Eyrarbakki und Stokkeyri, dei weiter südlich von Kirkjuferja an der Küste liegen, gezeigt. In beiden Orten leben jeweils ungefähr 500 Leute, also sehr klein. Eyrabakki ist eine der ältesten Städte in Island. Beide Orte sind sehr schön und vor allem sehr bunt. Nicht nur die Häuser haben alle möglichen verschiedenen Farben, sondern auch die Dächer sind kunterbunt. Außerdem kann man das Meer sehen, was mich sehr beeindruckt hat. Hier ein paar Fotos:

Stokkseyri

Anschließend sind wir zurück nach Selfoss gefahren, um Guðbjörgs Familie zu besuchen, weil ihre beiden Söhne Margeir und Þorgeir sechsten und vierten Geburtstag feierten. Es gab total viel leckeren Kuchen und das Beste war, dass ich ein super Gespräch mit einem Isländer hatte, der ursprünglich Berliner ist. Ich wäre fast vom Stuhl gefallen, als er mich plötzlich auf deutsch ansprach. Damit hatte ich echt nicht gerechnet. Er ist der Großvater vom Mann meiner Gastschwester Guðbjörg und schon 93 Jahre alt. Er hat mir erzählt, dass er 1933 nach Dänemark geflohen ist und, nachdem er dort zwei Jahre gelebt hat, nach Island gekommen ist. Sein Vater ist im ersten Weltkrieg gefallen und der Rest seiner Familie kam in den Konzentrationslagern im Dritten Reich ums Leben. Seine Geschichte war sehr traurig und bewegend und es war so spannend mit ihm zu reden, dass die Zeit wie im Flug verging und wir bald schon wieder zurück nach Kirkjuferja gefahren sind. Daheim angekommen ging ich mit Marta und Linda Björk (13jährige Tochter meiner Gastschwester Dagbjört) in den Pferdestall um den Pferdemist aus dem Boxen zu schaufeln und die Pferde zu putzen. Danach durfte ich mal wieder auf einem isländischen Pferdchen sitzen und reiten. Naja, reiten kann man das noch nicht nennen. Ich verstehe zwar die Theorie, aber die umzusetzen ist gar nicht so einfach. Jedenfalls wollte das Pferd mal wieder nicht so laufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich muss wohl erst einmal ein Gefühl für die Pferde bekommen. Sehr spannend war es, ohne Sattel zu reiten, was man hier in Island sehr häufig macht, allein schon aus dem Grund, weil das Pferd schön warm ist. Allerdings muss man sehr aufpassen dabei nicht vom Pferd zu fallen.

Während ich nur auf dem Pferd sitze...


kann Linda Björk reiten...


Marta, Sigga und Helga-Gudrun

Am Sonntag hatten wir das Glück, dass es nochmal sonnig war. Mit dem September hat hier auch der Herbst begonnen, der bis Mitte Oktober dauert, dann beginnt der Winter. Die Temperatur ist auf circa neun Grad gesunken und es ist meistens sehr windig. Manchmal ist es fast Sturm, obwohl die Isländer das wahrscheinlich noch nicht als Sturm bezeichnen. Es regnet jetzt fast jeden Tag und der Himmel ist meistens grau und trüb. Die Sonne kommt nur noch selten durch die dicke Wolkendecke. Wie sich das gehört, habe ich mir gleich mal einen ziemlichen Schnupfen eingefangen, aber es wäre ja langweilig, wenn das nicht so wäre. Das gehört hier eben zum Leben dazu. Außerdem schlägt an manchen Tagen das Wetter sehr schnell um. Da regnet es heftig und ist sehr windig und wenn man eine Viertelstunde später aus dem Fenster schaut, dann ist der Himmel fast wolkenfrei und die Sonne scheint. Das ist aber nicht immer so. Die Isländer sagen, dass man das Wetter hier gar nicht “Wetter” nennen kann, weil es so unfassbar eigenartig und überhaupt nicht nachvollziehbar ist. Morgens ist es meistens sehr neblig und es sieht so aus als würden die Wolken an den Bergen kleben.


Jetzt will ich noch ein bisschen genauer auf die Essgewohnheiten der Isländer eingehen.
Man isst hier sehr viele Kartoffeln, eigentlich fast jeden Tag (wahrscheinlich werde ich nach diesem Jahr perfekt Kartoffeln schälen können, weil ich hier so viel Übung habe). Außerdem isst man sehr viel Fisch und Fleisch (vor allem Schaf). Obst und Gemüse ist sehr teuer und wird deshalb nur wenig gegessen. Meine Familie ist da eine Ausnahme, denn bei uns gibt es jeden Abend Gemüse, was ich total genial finde. Manchmal isst man zu den Kartoffeln Marmelade (das schmeckt besser als es klingt). Oft gibt es Pönnakökur, Waffeln oder Milchreis, den man hier mit Salz kocht und mit Milch und Butter isst. Hier gibt es so ein spezielles Brot, das aussieht wie dicke Pfannkuchen, allerdings nicht fettig sondern trocken ist und geräuchert schmeckt. Man isst es mit Butter, die hier übrigens auch gesalzen ist. Rúmbrauð ist ein Brot ähnlich wie Pumpernickl und ziemlich süß. Außerdem gibt es hier jede Menge gutes Kleingebäck wie zum Beispiel “Kleinur”, was man in Kaffee oder Milch tunkt. “Skyr” ist auch sehr beliebt. Das ist eine Art Joghurt, aber etwas dicker und man isst es mit Milch oder Johannisbeersaft. “Shíld” schmeckt besonders lecker auf Toastbrot. Es ist süßer eingelegter Hering. Man tut das auch manchmal in die Soße für Spaghetti. Alles in Allem ist das Essen hier sehr gut, auch wenn das vielleicht für euch nicht so klingt. Ich habe hier jetzt nur ein paar Beispiele von typisch isländischem Essen geschrieben. Nach dem Essen bedankt man sich immer, indem man “Takk fyrir mig!” sagt, was soviel bedeutet wie “Danke für mich!”.

Islands Landschaft fasziniert mich auch immer mehr, je mehr ich davon sehe. Die Natur ist einfach unfassbar vielfältig. Man hat eine sehr weite Sicht und in der Ferne sieht man oft Berge, die in allen möglichen Grau- und Silbertönen schimmern. Auch der Himmel hat hier sehr viele verschiedene Farbtöne und sieht immer anders aus. Es gibt hier viele Vogelarten. In Kirkjuferja sind oft Raben zu sehen, die manchmal ganz schön laut kreischen. Außerdem sieht man hier manchmal große weiße Vögel. Sie kommen von den Bergen und versuchen zum Fluss zu kommen. Meistens schaffen sie es aber nicht und sterben, weil sie nicht fliegen können.

Das war dann der Bericht von meiner dritten Woche hier auf der grünen Insel. 

Hier noch ein paar Bilder:


Mein Isländerpulli ist fertig. Er ist wunderschön,  warm und aus echter Schafswolle

Ein Blick in mein Zimmer für die ganz Neugierigen

   
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