Landesflagge Lena in Island

Réttir und erster Schnee


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Nach vier erlebnisreichen Wochen auf der wunderschönen Insel Island sitze ich mal wieder an meinem Schreibtisch um euch von meinen Erlebnissen zu berichten.

So langsam ist für mich hier der Alltag eingekehrt und ich werde wohl auch nicht mehr so viel zu schreiben haben wie bisher. Mein Tagesablauf sieht momentan so aus, dass ich von acht Uhr morgens bis 16 Uhr in der Schule bin. Danach mache ich meistens Hausaufgaben und schon ist der Tag wieder vorbei. Da bleibt gar nicht mehr viel Zeit um viel zu erleben. Diese Woche hatte ich besonders viel Hausaufgaben, weil ich für Kunst einige Bilder fertig zeichnen musste. Wir bekommen in Kunst immer Hausaufgaben, meistens sind es zwei Themen, also auch zwei Bilder, die wir innerhalb von zwei Wochen malen müssen. Es macht mir aber sehr viel Spass, weil die Themen relativ frei sind und man sehr kreativ sein kann, auch in Bezug auf verschiedene Maltechniken. Außerdem haben wir jetzt auch schon angefangen Prüfungen zu schreiben. In den meisten Fächern ist am Ende des Semesters eine Prüfung und nur kleinere Tests im Laufe des Semesters. Es gibt allerdings auch Fächer ohne Prüfung am Ende. Dafür schreibt man dann viele angekündigte Tests, die dann entsprechend mehr zählen. Ich habe nun schon einen Französisch- und einen Englischtest geschrieben. Für mich waren die Tests nicht besonders schwierig, weil es einfach nur eine Wiederholung der letzten Stunden war, und ich habe mich gar nicht mal so dumm angestellt. In Französisch habe ich sogar 10 Punkte erreicht. Das ist aber sowieso das einfachste Fach für mich, weil ich alles, was wir hier lernen, schon längst in Deutschland gelernt habe. Außerdem lernen Isländer alles viel langsamer, also sind die Unterrichtsstunden (besonders Französisch) manchmal sogar eher langweilig, wenn man das „Dauerpauken“ von Deutschland gewohnt ist. Meine Französischlehrerin ist total beeindruckt von meiner Aussprache. Die ist mit einem Franzosen verglichen gar nicht gut, aber wenn man erstmal einen Isländer Französisch sprechen gehört hat, dann kann man wohl wirklich sagen, dass die Aussprache der Deutschen dem Französischen doch sehr viel ähnlicher ist. Das, was mein Kurs so spricht, klingt nämlich absolut gar nicht Französisch. Allgemein kann ich sagen, dass es mir immer noch sehr gut an der Schule gefällt und, obwohl das Schulleben hier für mich nun auch nichts mehr allzu außergewöhnliches ist, es noch sehr viel Spass macht in die Schule zu gehen. Ich freue mich an jedem Wochenende schon wieder auf die nächste Schulwoche. In Holzverarbeitung läuft es auch immer besser, auch wenn ich teilweise gar nicht sehe, was ich tue, weil es zu sehr ins Detail geht. Dann habe ich eben mal ein bisschen krumm gesägt, das ist aber kein Problem. Das einzige was in diesem Fach wirklich zählt sind Hilfsbereitschaft und Motivation. Wie das Teil dann letztendlich aussieht ist nicht so extrem wichtig.

Am Montag haben Sigga, Baldur, Marta, Dagbjört und Linda Björk drei neue Pferde gekauft, die dann natürlich gleich mal bestaunt und beritten wurden. Ich durfte sogar auf Barbaras Pferd reiten, was schon viel besser auf meine Anweisungen reagiert hat. Barbara ist die AFSerin aus Österreich, die 1998/99 ihr Auslandsjahr in meiner Gastfamilie verbracht hat. Letztes Jahr hatten sie auch einen Gastschüler, Jasper aus Hong Kong. Das ist auf alle Fälle von Vorteil für mich, weil meine Familie so schon einiges an Erfahrung mit Austauschschülern hat. Barbara kommt uns im November für ein paar Wochen besuchen. Ich freue mich schon sehr darauf sie kennen zu lernen.

Am Dienstag war leider ein tödlicher Autounfall auf der Hauptstraße an der Abzweigung zu Kirkjuferja bei dem ein Mann ums Leben gekommen ist. Hier sind allgemein sehr viele Autounfälle und ziemlich in der Nähe von uns ist an der Straße eine große Gruppe an weißen Holzkreuzen. Ein Kreuz für jeden, der zwischen Selfoss und Reykjavík ums Leben gekommen ist. Ich glaube es sind 52 Kreuze innerhalb von 10 Jahren.

Das Wetter war diese Woche sehr abwechslungsreich. Während Montags und Dienstags manchmal sogar die Sonne durch die dicke graue Wolkenschicht gekommen ist, war am Mittwoch Dauerregen. Donnerstags war es zwar trüb, aber wieder ein kleines bisschen heller. Im Laufe des Tages entwickelte sich ein sehr starker Wind, der dann abends zum Sturm wurde. Es hat richtig ums Haus gepfiffen und als es dunkel war, fiel dann der Strom aus. Unglücklicherweise stand ich gerade in dem Moment unter der Dusche. Wir waren dann bei Kerzenschein gemeinsam in der Küche gesessen und haben Kuchen gegessen. Es war eigentlich richtig gemütlich. Zum Glück war mein Pabba schon zu Hause. Es war nämlich gar nicht so leicht mit dem LKW bei dem Sturm zu fahren, wie er mir erzählt hat. Er war an diesem Tag mal wieder an den Westfjorden, wo der Wind noch um einiges stärker ist. Am nächsten Tag haben wir dann erfahren, dass eines der Autos, die bei dem Sturm von der Straße abgekommen sind, die Stromleitung beschädigt hatte.

Freitag Abend waren Sigga, Marta und ich im Hotel Selfoss (wie ihr euch jetzt sicher denken könnt ist das ein Hotel in Selfoss =), weil Selfoss an diesem Wochenende 60. Geburtstag hatte, was mit allen möglichen Aktionen, Ausstellungen und Märkten gefeiert wurde. An diesem Abend haben ganz viele verschiedene Chöre gesungen unter anderem eben auch der F.Su.-Chor mit Marta und Lara. Außerdem gab es noch viele andere musikalische Darbietungen. Auch der Bruder meiner Gastmutter hat auf dem Klavier gespielt. Es war ein richtig schöner Abend.

Der Samstag war wohl der spannendste Tag dieser Woche. Es war nämlich „Réttir“. Das ist typisch isländisch und ein wichtiger Bestandteil der Kultur. „Réttir“ ist der Tag, an dem man auf Pferden die Schafe von den Bergen Richtung Tal treibt, wo sie dann in einen Runden Zaun kommen. Dort werden sie dann in verschiedene Abteile, die mit den Namen der Besitzer beschriftet sind, sortiert. 



Es ist eine lange Tradition, sich an diesem Tag zu treffen und gemeinsam zu feiern. Viele Isländer kommen zu „Réttir“ zusammen, auch wenn sie gar keine Schafe haben. Manche laufen auch und viele kommen auf Pferden. Also sind wir auch gekommen, obwohl es in Strömen geregnet hat. Sigga, Baldur, Marta, Dagbjört und Linda sind mit den Pferden im Anhänger zur Farm einer Schwester meines Gastvaters gefahren, von wo aus sie dann zu „Réttir“ geritten sind. Wir, mein Pabbi, Finnur und ich, sind glücklicherweise mit dem Auto gefahren. Das Reiten war nämlich nicht so viel Spass wegen dem Regen. Bis wir angekommen sind, waren die Schafe schon längst sortiert. Trotzdem waren sehr viele Leute da um sich einfach zu treffen, miteinander isländische Volkslieder zu singen und natürlich zu trinken. Es wurde wirklich flaschenweise Schnaps getrunken an diesem Tag und ich habe noch nie Menschen so viel trinken gesehen. Aber das gehört eben anscheinend dazu. Nachdem wir einige Zeit im Regen gestanden und mit allen möglichen Bekannten geplaudert hatten, sind wir schließlich wieder zurück zur Margréts Farm (die Schwester meines Gastvaters) gefahren. Es war wirklich extrem kalt, nicht nur wegen dem Regen sondern auch wegen dem starken Wind und ich habe trotz Isländerpulli und zwei Jacken noch gefroren. Da kam dann die herrliche „Kjötsupa“ (eine dicke Gemüsesuppe mit Lammfleisch) gerade im richtigen Moment zum Aufwärmen. Es war volles Haus, weil sehr viele Verwandte zu Besuch waren und natürlich waren auch wieder sehr viele Kinder dabei. Man saß den ganzen Tag in der Küche und hat sich unterhalten. Die Atmosphäre war sehr fröhlich und locker, was natürlich kein Wunder bei all dem Alkohol ist. Am Nachmittag hat es dann sogar angefangen zu schneien. Ich war richtig überrascht, weil es für mich ja eigentlich überhaupt nicht normal ist, dass es im September schon schneit. Es war auch der erste Schnee für diesen Winter und er ist sogar ein bisschen liegen geblieben, zumindest über Nacht. Gegen Abend haben wir dann den Kuhstall besichtigt und wir durften sogar beim Melken helfen. Das war gar nicht so einfach, aber wenn man mal den Dreh raus hat, ist es gar nicht mehr so schwer. Das Beste war natürlich danach die Milch frisch von der Kuh zu probieren. Die war richtig warm und dick, total lecker!





Mal sehen, ob da wirklich Milch kommt...


Na bitte!

Zurück im warmen Haus sind dann immer mehr Leute gekommen und wir haben angefangen isländische Volkslieder zu singen. Das ist auch so eine Tradition, die zu „Réttir“ gehört. Irgendwann ist dann auch jemand mit einer Gitarre gekommen und so wurden stundenlang Lieder geträllert. Auf der Heimfahrt habe ich dann die unglaubliche Landschaft bewundert, die mit dem Schnee wie verzaubert aussah. Es war schon dunkel und es war wunderschön mit all den vereinzelten Lichtern von den Farmen dort.

In Kirkjuferja angekommen haben wir dann noch bei Sigga und Baldur Kekse mit isländischem Käse und Marmelade gegessen. Außerdem durften wir noch ein Feuerwerk zum Anlass von 60 Jahren Selfoss aus der Ferne bewundern. Nach diesem aufregenden Tag bin ich dann todmüde ins Bett gefallen und habe am Sonntag mal so richtig lange ausgeschlafen. Sonntag Nachmittag haben wir eine Schwester von meiner Mamma in Selfoss besucht und ich hatte zum ersten Mal seit ich hier in Island bin die Möglichkeit auf einem Klavier zu spielen. Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich mein Klavier einmal so vermissen werde und ich bin auch schon ganz schön aus der Übung gekommen. Jedenfalls war es wunderbar mal wieder ein bisschen zu klimpern. Wir haben uns dann eine kleine Ausstellung von alten Bildern von Selfoss angeschaut und einen kurzen Film über Selfoss' Geschichte gesehen. Dann haben wir noch meine Großeltern zum Kaffeetrinken besucht. Da war auch schon eine ganze Menge Verwandschaftsbesuch und ich habe nun alle vier Schwestern meiner Gastmutter und auch den Pianisten und Opernsänger (der Mann einer der Schwestern meiner Gastmutter) kennen gelernt. Es war ein richtig schönes Familientreffen.

So, nun sitze ich hier und weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Entschuldigt bitte, das dieser Bericht vielleicht teilweise etwas komisch klingt. Das liegt wohl daran, dass ich ein bisschen aus der Übung komme, was Deutsch betrifft. Ich denke mittlerweile fast vollkommen auf Englisch mit ein paar isländischen Wörtern drin. Deutsch brauche ich hier kaum und deshalb fällt es mir gar nicht mehr so leicht, deutsche Sätze zu formulieren.

Zum Schluss noch ein Bild von unseren Haustieren: Simbi (die Katze) und Tire (der Hund).


Simbi - ein echter Garfield, oder?

und Tire, der sich fragt, ob er Odie spielen muss
sieht ganz so aus, oder?

Vielen Dank für eure zahlreichen Gästebucheinträge! Macht weiter so, ich freue mich immer sehr darüber!

   
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